Rezension: Stoner von John Williams

Updated Okt 31, 2017

„Stoner“ ist das Werk des amerikanischen Autoren John Williams, das bei seiner Veröffentlichtung 1965 kaum Aufmerksamkeit erregte, nun aber wieder entdeckt wurde und die Bestseller-Listen gestürmt hat.
William Stoner wächst auf einem Bauernhof in Missouri in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Eltern schicken ihn jedoch zur Universität, wo er Agrarwissenschaften studieren soll. Das tut Stoner dann auch, allerdings nur ein Jahr lang, ehe er – ohne seine Eltern zu informieren – englische Literatur studiert. Seine Eltern erfahren erst am Tag der Abschlussfeier davon und ebenfalls an jenem Tag eröffnet William Stoner ihnen, dass er weiter an der Universität bleiben wird und nicht zurück auf den Hof kommt. Die Eltern verstehen seinen Entscheid nicht, doch William bleibt an der Universität Columbia, beginnt zu doktorieren und zu unterrichten. Dann lernt er eine junge Frau kennen, verliebt sich in sie und heiratet sie wenig später. Doch die Ehe und das Leben an der Universität entwickelt sich andres, als sich dies Stoner vorgestellt hatte.
Langeweile erzeugt Spannung
Das Buch ist im Grunde nichts anderes als die Biografie von William Stoner. Biografien gibt es wie Sand am Meer, aber eine solche Biografie hat es wohl noch nie gegeben. Nicht etwa, weil Stoner ein besonders interessantes Leben geführt hätte – im Gegenteil: Das Leben von William Stoner verlief eintönig und über weite Strecken ziemlich ereignislos. Entsprechend ist es nicht die Handlung, mit der das Werk zu überzeugen vermag, denn wenn wir ehrlich sind, passiert nicht allzu viel. Und trotzdem packt einem das Buch auf eine ganz besondere Art. Man will wissen, wie dieser absolute 0815-Bürger sein Leben bewältigt. Man identifiziert sich mit ihm, leidet mit ihm mit und oftmals versteht man nicht, wie er all dieses Leid, das ihm widerfährt, einfach so über sich ergehen lassen kann.
Dennoch bewundert man auch seine Anpassungsfähigkeit und hofft stets, dass sich sein Leben zum besseren wendet. Doch was fasziniert den Leser so an dieser an sich völlig langweiligen Person des William Stoner? Es ist genau diese Langeweile, dieses Normalbürgertum, das uns daran erinnert, dass wir diesem William Stoner wohl ähnlicher sind, als wir das gerne hätten. Praktisch jeder wird sich in seinem Leben Ziele stecken und nur die wenigsten werden diese allesamt erreichen. Anpassen müssen sich alle, leiden müssen alle in bestimmten Situationen und auch Probleme am Arbeitsplatz und in der Familie sind nichts Unbekanntes.
Viele offene Fragen
Doch es ist noch etwas anderes, das dieses Werk zu etwas Besonderem macht. Es ist dies der Schreibstil von John Williams. Er ist für eine Biografie extrem nüchtern und sachlich. Kurz und knapp skizziert er die Veränderungen im Leben von Stoner, meist ohne Wertung und ohne Interpretation des Geschehenen. Damit bleibt Vieles der Vorstellung des Lesers überlassen. Wieso beispielsweise ändert Stoners Ehefrau Edith derart oft ihre komplette Lebenseinstellung? Ist ihr gestörtes Verhältnis zur Sexualität allenfalls auf die schwierige Situation mit ihrem Vater zurück zu führen? Welche Motivation hat Hollis Lomax – ein Arbeitskollege von Stoner -, dass er mit Stoner einen Streit beginnt, der in einem zwanzigjährigen Schweigen zwischen den beiden Männern endet? Und warum lässt William Stoner sein Leid scheinbar passiv über sich ergehen und nutzt nicht die einmalige Chance, um mit seiner Affäre Kathrine Driscoll, die ihn wirklich geliebt hat, durchzubrennen?

Diese Kombination aus scheinbarer Langeweile, gepaart mit einem interessanten Schreibstil, der viel der Vorstellung des Lesers überlässt, macht „Stoner“ zu einem besonderen und deshalb auch empfehlenswerten Buch. (fba)


Bibliografische Angaben:

Titel: Stoner
Autor: John Williams
Seiten: 352
Erschienen: 1965
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 3423280158
ISBN-13: 978-3423280150

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