Rezension zu die Physiker von Friedrich Dürrenmatt

Rezension: Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt

„Die Physiker“ ist ein Klassiker aus der Feder von Friedrich Dürrenmatt. Das Werk – laut Untertitel eine Komödie in zwei Akten – befasst sich unter anderem mit der Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft.

Johann Wilhelm Möbius hat die Weltformel entdeckt. Diese könnte – wenn sie in die falschen Hände gerät – grossen Schaden anrichten. Dessen ist sich Möbius bewusst und lässt sich daher ins Sanatorium „Les Cerisiers“ einweisen, wo er den Verrückten spielt. Zwei weitere Insassen, die sich als Newton und Einstein ausgeben, landen ebenfalls im Sanatorium. Die beiden sind in Wahrheit jedoch Agenten zweier rivalisierender Geheimdienste und wollen die Weltformel von Möbius in ihren Besitz bringen.

Elemente des klassischen Dramas

Zuerst einige Worte zum formalen Aufbau des Werks, das als Drama verstanden wird, obwohl Dürrenmatt es im Untertitel als Komödie bezeichnet. Im Gegensatz zum klassischen aristotelischen Drama besteht „Die Physiker“ nicht aus fünf Akten, sondern lediglich aus deren zwei. Dafür werden die drei Einheiten Ort, Zeit und Handlung eingehalten. Das gesamte Werk spielt im Salon des Sanatoriums „Les Cerisiers“. Dürrenmatts Werk erfüllt noch weitere typische Merkmale des aristotelischen Dramas. So befindet sich beispielsweise die Hauptfigur Johan Wilhelm Möbius in einer lose-lose-Situation, der er nicht entkommen kann. Und das Werk endet – ebenfalls typisch für ein klassisches Drama – in einer Katastrophe.

Zwangsläufig negativ

Soviel zu den formalen Begebenheiten des Werks. Inhaltlich spielt die Frage der Ethik in der Wissenschaft eine entscheidende Rolle. Möbius ist sich der Tragweite seiner Entdeckung bewusst und will die Menschheit davor schützen. Doch auch mit seiner Flucht in die Isolation scheitert er daran, die Menschheit vor seiner Erkenntnis zu bewahren. Eine andere Vorstellung davon, was man mit wissenschaftlichen Erkenntnissen tun soll, haben Einstein und Newton. Newton lehnt jegliche Verantwortung ab, was mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen passiert. Für ihn sind nicht die Wissenschaftler zuständig für die Weiterverwendung, sondern die Allgemeinheit. Er findet jedoch, als Genie müsse man sein Wissen mit den Normalsterblichen teilen und verspricht Möbius den Nobelpreis.

Einstein sieht es gar als Pflicht des Wissenschaftlers, seine Erkenntnisse mit der Menschheit zu teilen. Und das obwohl er zugeben muss, dass am Ende die Politik entscheidet, was mit den Erkenntnissen geschieht. Er schiebt die Verantwortung damit an die Politik ab. Auch die Wege von Newton und Einstein können die Menschheit nicht vor dem Unglück bewahren. Das lässt den etwas zynischen Schluss zu, dass Dürrenmatt damit aufzeigen will, dass die Wissenschaft zwangsläufig zum Negativen führt, da man nicht verhindern kann, dass sie in falsche Hände gerät.

Verkehrte Welt

Ein weiterer Interpretationsansatz sieht wie folgt aus: Dürrenmatt zeigt in diesem Werk auf, dass sich verschiedene Repräsentanten der Gesellschaft in heiklen Situationen der Verantwortung entziehen. Da wäre beispielsweise Inspektor Voss, der nach dem dritten Mord gar nicht mehr versucht, den Täter zu verhaften, sondern einfach resigniert. Er steht stellvertretend für den Staat. Auch die ehemalige Frau von Möbius – sie repräsentiert das Bildungsbürgertum – und ihr neuer Partner Missionar Rose (vertritt die Kirche) drücken sich vor ihrer Verantwortung und machen sich aus dem Staub. Zu dieser verkehrten Welt passt, dass am Ende drei geniale Physiker als Patienten im Irrenhaus landen und die Ärztin, die sich um die Patienten kümmern sollte, sich am Ende als Irre herausstellt.

Um die beiden oben skizzierten Interpretationen zu verstehen, muss man auch den historischen Kontext des Werks miteinbeziehen. Dürrenmatt schrieb „Die Physiker“ während des Kalten Kriegs, als ein Atomkrieg praktisch unausweichlich schien. So lässt sich auch erklären, weshalb Dürrenmatt ein eher pessimistisches und kritisches Weltbild hat, bei dem die Menschen orientierungslos sind und die menschliche Existenz gar bedroht scheint.

„Die Physiker“ von Dürrenmatt würde noch deutlich mehr Interpretationsansätze liefern. Meiner Meinung nach sind jedoch diejenigen zur Rolle der Wissenschaft und zum Fehlverhalten der Gesellschaft die wichtigsten. So oder so ist es ein sehr empfehlenswertes Werk, das zum Denken anregt.

Bibliografische Angaben

Titel: Die Physiker
Autor: Friedrich Dürrenmatt
Seiten: 96
Verlag: Diogenes
Erschienen: 1961
ISBN-10: 3257230478
ISBN- 13: 978-3257230475
Bewertung: 4/5


Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt auf Amazon bestellen.


Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.