Rezension - Die Frau auf der Treppe

Rezension: Die Frau auf der Treppe von Bernhard Schlink

Mit „Die Frau auf der Treppe“ legt Bernhard Schlink einen interessanten, aber auch etwas umständlich konstruierten Roman rund um eine komplizierte Liebesgeschichte vor. Das Buch liest sich aber dennoch gut.

Der reiche Industrielle Peter Gundlach ist mit der gut zehn Jahre jüngeren Irene verheiratet und lässt sie vom damals noch wenig bekannten Maler Karl Schwind malen. Es ist ein türgrosses Bild, das Irene nackt zeigt, wie sie die Treppe herunterkommt. Gundlach bekommt das Bild, aber Irene verlässt ihn für Schwind. Die Rivalität der beiden Männer gipfelt darin, dass sie den Ich-Erzähler, der als Anwalt arbeitet, dazu bringen, einen Vertrag aufzusetzen, der regelt, dass Schwind das Bild und Gundlach dafür Irene zurückbekommt. Doch mit der Hilfe des Anwalts gelingt es Irene, das Bild zu stehlen und zu fliehen. 40 Jahre später arrangiert Irene, die mittlerweile in Australien lebt und aufgrund einer Krebserkrankung nur noch wenige Tage zu leben hat, ein Wiedersehen mit den drei Männern.

Wiedersehen nach 40 Jahren

Zugegeben, die Idee des Romans ist durchaus originell. Darüber, dass sie einige Ungereimtheiten aufweist – am unrealistischsten ist Irenes Flucht mit dem Bild im alten VW-Bus, bei der sie vom Ich-Erzähler unterstützt wird -, kann man getrost hinwegsehen. Denn eigentlich geht es nicht um diese Rahmenhandlung. Viel mehr geht es um die unterschiedliche Art und Weise wie die drei Männer und auch Irene mit der Vergangenheit umgehen. Und das zeigt sich 40 Jahre nach dem Diebstahl des Bildes, als sich die vier auf einer abgelegenen Insel in Australien wieder treffen.

Gundlach ist gekommen, um das Portraitbild von Irene zu holen, das mittlerweile über 20 Millionen wert ist. Schwind dagegen will das Bild und Irene, um mit ihr in New York eine Ausstellung zu eröffnen, von der sie früher während ihrer Beziehung geträumt hatten. Beide stellen bei ihrem Besuch nie die Frage, was Irene eigentlich möchte. Sie sind gekommen, um das zu holen, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht. Damit wollten sie ihre grösste Niederlage – dass sie von Irene verlassen wurden – ausmerzen. Sie müssen jedoch unverrichteter Dinge abziehen, als sie erkennen, dass sie beide das Gewünschte nicht bekommen.

Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit

Anders der Ich-Erzähler. Das Leben des pedantischen Anwalts, der jeden Bereich seines Alltags rational und pragmatisch durchgetaktet hat, erfährt aufgrund der erneuten Begegnung mit Irene eine tiefgreifende Veränderung. Er will unbedingt wissen, weshalb sie ihn damals nur benutzt und gleich verlassen hat. Er hatte sie nämlich geliebt und tut dies auch heute noch. Irene, die an Bauchspeicheldrüsenkrebs leidet und nur noch wenige Tage zu leben hat, entschuldigt sich bei ihm für ihr Verhalten. Die beiden führen eine kurze, aber intensive Beziehung. Der Ich-Erzähler erlebt dabei das, was er sich immer gewünscht hatte. Er übernimmt dafür sogar die Aufgabe, sich um Irene zu kümmern und sie zu pflegen. Etwas, das er nicht einmal für seine drei Kinder so fürsorglich getan hat. Die vielen Gespräche mit Irene führen zudem dazu, dass er sein bisheriges Leben, sowie die Beziehung zu seiner Familie kritisch hinterfragt. Ein schmerzhafter Prozess, der nach dem Tod von Irene dazuführt, dass er seine Wohnung verlässt und das Gespräch mit seinem Arbeitgeber sucht. Weshalb genau wird nicht explizit erwähnt, aber es ist gut möglich, dass er seine Stelle kündigen will. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Irene ihm wiederholt gesagt hat, dass sein Job nicht relevant sei für sein Leben.

Beziehung zwischen Anwalt und Irene im Zentrum

Während die Charaktere von Peter Gundlach und Karl Schwind eher oberflächlich bleiben und kaum Tiefgang haben, gelingt es Schlink, die geheimnisvolle Irene und den Ich-Erzähler interessant zu konstruieren – und vor allem auch die Beschreibung der Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden während den letzten zwei Wochen, in denen Irene noch lebt, ist sehr gelungen. In genau diesen Passagen, in denen sich die beiden ausmalen, wie ihr gemeinsames Leben hätte aussehen können, und dabei gleichzeitig die Differenzen zwischen sich bereinigen, ist die Erzählung von Schlink am stärksten.

Natürlich werden im Roman auch noch weitere Themen angeschnitten – beispielsweise die terroristische Vergangenheit von Irene in der DDR – aber diese spielen alle nur eine untergeordnete Rolle. Primär geht es um die Beziehung zwischen Irene und dem Ich-Erzähler.

Bibliografische Angaben

Titel: Die Frau auf der Treppe
Autor: Bernhard Schlink
Seiten: 256
Erschienen: 2014
Verlag: Diogenes
ISBN-10: 325706909X
ISBN-13: 978-3257069099
Bewertung: 3/5


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